P. Wolfgang Müller SJ, Seelsorger, Sankt Michael Göttingen

Mueller

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P. Wolfgang Müller SJ ist ehemaliger Mitarbeiter der Gemeinschaft Christlichen Lebens und hat viele Jahre Exerzitienkurse gegeben. Seit 2011 wohnt er in Göttingen und wirkt als Krankenhaus- und Pfarrseelsorger. 

Wann und wie fühlten Sie sich berufen, Priester zu werden?  Was hat Sie zur Gesellschaft Jesu gebracht?

Bei mir lief es so: Ich war ein frommer gläubiger Katholik in der mehrheitlich katholisch geprägten Umgebung. (Freiburg ist die Hauptstadt des Schwarzwalds – Black Forest – gemischtkonfessionell; der Vater eines Mitschülers im altsprachlichen Gymnasium war lutherischer Superintendent, und die kleinere Gruppe der Klasse war immer die evangelische: sie musste in ein anderes Klassenzimmer gehen während der Religionsstunde). Obwohl ich nicht “Ministrant” war, war ich in der “Pfarrjugend”. Ein Kaplan unserer Pfarrei sagte mir einmal, als ich gerade mein Abitur – gut – gemacht hatte: Hast Du Dich schon im CB (Collegium Borromaeum), also im Freiburger Priesterseminar angemeldet, weil er selbstverständlich damit rechnete, so wie er mich kannte, dass ich Priester werde. Ich sagte: “Nein, aber ich könnte das ja tun…” Und habe es auch getan (gleichsam auf die Anregung unseres Vikars hin). Als ich zwei Jahre in Freiburg (vom Seminar aus) und dann ein Jahr in München (der sog. Externitas) Theologie studiert hatte, kam ich ins Seminar zurück. Da fragte mich der Spiritual im Collegium Borromaeum (ein Jesuit): “Haben Sie schon einmal an den Ordensberuf gedacht?” Ich sagte: “Nein, aber ich könnte es mal überlegen…” Und er meinte, es könnte durchaus der Weg im Jesuitenorden sein. So meldete er mich im Noviziat der Jesuiten an, und ich begann meine “Laufbahn” bei der SJ.

Welche Experimente haben Sie als Jesuiten-Novize gemacht? Gab es ein Experiment, das eine besondere Wirkung auf Sie hatte?

Das einzige “Experiment” außerhalb des Noviziats (in Neuhausen bei Stuttgart) war das Krankenexperiment in einem katholischen Krankenhaus in Stuttgart  Ich wohnte diese vier Wochen in dem von Schwestern geführten bekannten Stuttgarter Krankenhaus und war erstmals wieder “der Welt” ausgesetzt. Dann natürlich das ordensinterne Experiment der vierwöchigen “Großen” Exerzitien, wie sie auch heute noch üblich sind im Noviziat. Diese beiden Experimente habe ich beide in guter Erinnerung; für meinen Weg im Orden war die “spirituelle” Seite entscheidend; „praktisch“ bin ich nicht veranlagt (meine Enneagrammprägung ist die NEUN mit einem starken EINS-Flügel).

Wie sind Sie zum Enneagramm gekommen, und welche Rolle spielt es in ihrem Alltag?

Mein Superior in Augsburg, der “Kirchlicher Assistent” der GCL/CLC/CVX in Deutschland war für lange Jahre, hat – als er 50 wurde – ein Jahr in den USA verbracht (1981/82), dort bei den amerikanischen Jesuiten im “Institute for Spiritual Leadership” (Chicago) eifrig seine ignatianischen/jesuitischen Studien vertieft und ergänzt und als große “Entdeckung” das Enneagramm kennengelernt und uns davon berichtet; ich meine, er hat auch die beiden ersten Autoren dort persönlich kennengelernt: Fr. Richard Rohr (OSF), amerikanischer Franziskaner, und Pfr. Andreas Ebert, deutscher evangelischer Pastor, die miteinander – ökumenisch – ein Buch geschrieben haben, das das erste bekannte deutsche Enneagrammbuch wurde (“Die neun Gesichter der Seele”). Es war das Buch über das EG, bis immer mehr andere gute EG-Bücher erschienen, die auch ins Deutsche übersetzt wurden (leider kenne ich keine Übersetzung der Bücher von Peter Hannan, dem bekannten irischen Jesuiten!).

Ja – da die “Gemeinschaft Christlichen Lebens” auch dieses neue Medium zur Erkenntnis des konkreten Menschen, der “Exerzitien” in der ur-ignatianischen Weise machen will, einsetzen wollte, um noch authentischer die Exerzitien nach dem Exerzitienbuch zu geben, habe ich als hauptamtlicher Mitarbeiter der GCL aus persönlichem Interesse und “von Amts wegen” zusammen mit Laienmitgliedern der CLC solche Kurse (Grundkurse und Aufbaukurse) angefangen und sehr viele im Laufe der Jahre gegeben. Auch unabhängig von der GCL (für Ordensleute). In Deutschland, der Schweiz, Österreich, Ungarn (ich hatte Übersetzer), Rumänien, in Afrika (Simbabwe, Malawi), vor allem im Zusammenhang mit Exerzitienkursen. Losgelöst von der spirituellen Seite ist für mich das Enneagramm nicht denkbar, auch wenn menschlich gesehen da gute Arbeit getan wird (für Manager, Geschäftsleute usw.).

Wie hängt Ihre persönliche, individuelle spirituelle Entwicklung als Christ und als Priester mit Ihrer Tätigkeit als GCL-Mitarbeiter und Kursleiter zusammen? Ich meine, was lernen Sie von den Menschen, die zu Kursen und zur Seelsorge zu Ihnen kommen?

Da ich über 25 Jahre Mitarbeiter bei der GCL war, ist es sinnvoll zu überlegen, was diese Arbeit für meine persönliche Glaubenserfahrung und –entwicklung bedeutet – “gebracht” – hat. Ja, zunächst hatte ich immer mit Menschen zu tun, die sich für Jesus Christus und den Glauben an Ihn interessiert haben und danach zu leben versuchten. Es waren meist Kurse von Einzelexerzitien oder Gemeinschaftsexerzitien, die durch die ignatianische Prägung bestimmt waren. Ich hatte viel mit einzelnen Menschen (Männer, Frauen, Ordensmänner, Ordensfrauen, Priestern) zu tun, war also nahe an den persönlichen Lebenswegen dran. Dadurch habe ich die hl. Schrift immer besser kennen und schätzen gelernt in ihrer enormen Bedeutung für den Lebensweg der einzelnen Menschen. Wichtig war für mich auch die Arbeit mit dem Enneagramm in vielen Kursen, die die GCL angeboten hat. Dafür bin ich sehr dankbar. Bei der Suche nach meinem “Fachgebiet” innerhalb des Ordens hat sich vor allem eben diese persönliche Arbeit am Menschen bzw. mit den Einzelnen bewährt; die mehrjährige Arbeit in der Schule (Religionsunterricht) war nicht meine starke Seite.

Ich möchte auch gerne erfahren, wie Sie Vaticanum II erfahren haben, besonders in Ihren Ordensleben. (Ich weiß, das ist eine sehr große Frage.)

Da ich vor dem II. Vatikanischen Konzil meine Grundprägung innerhalb der katholischen Kirche bekam, musste ich umlernen und die neuen Akzente in der Seelsorge zu praktizieren versuchen, also die neue Freiheit, mit der Liturgie gefeiert werden konnte und sollte (in der Muttersprache und mit viel persönlicher Freiheit der Gestaltung bei den grundsätzlichen “Vorgaben”). Ich habe auch gelernt, mehr die ganz persönliche Veranlagung und Begabung der Menschen kennenzulernen, ihre Berufung zu entdecken und zu fördern. In der Pfarrseelsorge war ich nie, deshalb ist mir der Umgang mit größeren Menschengruppen nicht vertraut. Auch die eigentliche wissenschaftliche Arbeit ist mir eher fremd.

Aber wie angedeutet, der Aufbruch der katholischen Kirche beim Konzil war ein freudiges Erlebnis. Ich hatte das Glück, immer “live” über das gerade laufende Konzil informiert zu werden durch einen Schweizer Jesuiten (Mario von Galli SJ), der uns regelmäßig lebendig erzählte, wie die “Bewegung” war. Mir wird sehr bewusst, dass die jungen Leute (auch die schon 50-jährigen!) nur noch aus Geschichtsbüchern von der vorkonziliaren Kirche Kenntnis haben, also uns Alten gar nicht mehr nachfühlen können, was wir jahrelang “erlebt” haben.

Was bedeutet Ihnen die Jesuitenidentität?

Obwohl ich sicher nicht der “typische” Jesuit bin, bin ich ganz orientiert an dem Hingabegebet “Sume et Suscipe” (“Take, Lord, and receive all my liberty…”). Ich bete es nach dem Aufstehen und vor dem Zu-Bett-Gehen aus Überzeugung. Ich möchte ”Gott in allem suchen und finden”, ich möchte immer “empfangsbereit” – “begegnungsbereit” – “aufbruchsbereit” sein. Immer mehr aus der Glaubens-überzeugung handeln: GOTT hat mich ins DASEIN geliebt (nicht “geworfen”) – ER hat mich auf  meinen persönlichen WEG geliebt (vgl. Phil 3,13f. “I do not reckon myself as having taken hold of it; I can only say that forgetting all that lies behind me, and straining forward to what lies in front, I am racing towards the finishing-point to win the prize of God’s heavenly call in Christ Jesus…”) – ER nimmt mich auf meinem Pilgerweg an der Hand (Ps 18,36), ER begleitet mich ständig (durch den Heiligen Geist; der mich immer neu unterscheiden und entscheiden lehrt [vgl. Joh 14,26: …the Paraclete, the Holy Spirit, whom the Father will send in my name, will teach you everything and remind you of all I have said to you…]”).

Das ist wirklich mein Glaube.

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